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Mein Leben als Pilotenfrau

Häufig werde ich gefragt, wie das eigentlich so ist mit einem Piloten verheiratet zu sein. Das tun die Leute zumindest, wenn sie höflich sind. Meist allerdings werde ich, ob ich es will oder nicht, mit Aussagen, Vorurteilen und Lebensweisheiten konfrontiert.

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Was ist aber wirklich dran an all den Vorstellungen und dem Image eines Piloten und seiner Frau als solchem? Fliege ich kostenlos, ständig und meist in traumhafte Länder, wo ich mich dann am Strand räkele? Ist mein Mann ein alkoholabhängiger Zwangsfremdgeher, der sich jede Woche mit exotischen Schönheiten oder Stewardessen durch die Laken wälzt? Haben wir wirklich Geld zum vergaßen? Und wie ist das eigentlich mit der Fliegerei… wann ist mein Mann endlich richtiger Pilot? Überhaupt, wie halte ich das Ganze aus, dass er immer weg ist?

Nun, hier mal meine Erfahrungen der letzten Jahre.

#1 Marry me – fly for free!

Kurz und knapp: Leider nein. Zugegebenermaßen können wir, alleine oder getrennt, günstigere Tickets ziehen, sogenannte Standby-Tickets. Umsonst sind sie nicht, aber teuer ist auch nicht das richtige Wort für sie. Der Haken bei der Sache? Wir dürfen nur mit auf den Flug, wenn genügend Platz im Flugzeug ist und niemand auftaucht, der in der Senioritätstabelle des Unternehmens weiter oben steht. Erfahren wird man, ob man nun mitgenommen wird oder leider stehen bleibt, am Gate, kurz vor dem Flug. Ihr könnt Euch also denken, dass man, wenn man in den Urlaub fliegt und darauf angewiesen ist rechtzeitig im Hotel einzuchecken lieber ein normales Ticket, wie jeder andere kauft.

Stehengelassen und gestrandet sind wir übrigens auch schon 😉

#2 Namen entfallen

Egal wo man hin kommt, man wird grundsätzlich auf das Wesentlichste reduziert: Den Beruf. Nein, nicht meinen. Den meines Mannes natürlich. Macht aber nichts, denn er hat schließlich auch keinen Namen mehr. Seit der Ausbildung ist er einfach nur „Der Pilot“ und ich, na ihr könnt es auch denken … „Die Frau des Piloten“.

#3 Topthema

Meist ist man dann auch direkt Topthema des Abends, bzw er natürlich. Mit Juristen will eh niemand sprechen. Praktisch: hat man keine Lust auf ein Gespräch erwähnt man einfach seinen Job und beobachtet dann die Menschentraube, die sich um ihn bildet, während man das Buffet plündert. Immerhin kann man, bis der Fragenkatalog abgearbeitet ist und der Mann sich immer mehr schämt, in aller Ruhe den Häppchentisch abgrasen.

Memo an mich selbst: die beliebtesten Fragen und Antworten auf Tonband aufnehmen, sind nämlich immer die Selben. Wenn Interesse besteht, kann ich darüber noch einen eigenen Beitrag schreiben.

#4 Na, hat er Dich mal wieder verwöhnt?

Klingt zweideutig, ist es aber nicht. Gemeint ist: Egal wie viel man selbst verdient, egal was man sich dafür kauft: er hat es grundsätzlich gekauft.

#5 Pilotenimage und Lebensweisheiten

Nun, was soll ich sagen? Wie überall auf der Welt und in jeder Berufsgruppe gibt es Solche und Solche. Klar, mag es in der Vorstellung leichter sein, permanent die Betthäschen zu wechseln, wenn man sich in fernen Ländern am Pool die Cocktails reinpfeift. Die Realität ist allerdings: lange Aufenthalte sind nicht mehr vorgesehen, meist geht’s mit minimal Ruhezeit ins Hotel und am nächsten Tag wieder raus, weiter. Alkoholkonsum fällt dann mangels Karenzzeit eh aus, wobei Tobi allgemein eine 0,0 Promille-Politik betreibt, sofern er Fliegen oder Fahren muss.

Betrügen kann man seinen Partner immer und überall, hätte ich kein Vertrauen in ihn, könnte ich es gleich lassen.

#6 Planungen

Gibt’s einfach nicht. Sein Monatsplan kommt immer um dem 27. eines jeden Monats raus, da erfahren wir dann, was er ab dem 1. des Folgemonats so macht, wann er da ist und wohin er fliegt. Er kann sich zwar einen Wunschplan zusammenstellen, aber ob seine Wünsche berücksichtigt werden, erfährt er eben erst dann. Ergo: Egal wie oft ihr fragt, ich kann euch nicht sagen, ob wir zu zweit im 2 Wochen auf einen Geburtstag erscheinen, auf eine Hochzeit im Sommer kommen können oder einfach was wo abholen.

#7 Routine

Wie ihr sicherlich vermuten könnt, kennen wir sowas auch nicht. Jeder Monat sieht, wie erwähnt, anders aus. Dazu kommen unterschiedliche Uhrzeiten, wann Tobi kommt und geht. Er hat mal früh, mal spät, mal geht er mitten am Tag. Mal ändert sich auch seine Schicht, während er weg ist. Früh heißt so ab 3:30. Heimkommen kann er auch mal um 23 Uhr. Vorteil: Man kann auch mal was zu zweit unter der Woche unternehmen, wenn Museen oder sowas nicht so voll sind. Natürlich nur, wenn der eigene Beruf /Arbeitszeiten das erlauben, sonst nicht.

#8 Wie hälst Du das nur aus?

Diese Frage bekomme ich meist von Frauen gestellt, die die Krise kriegen sich zu Tode jammern, wenn ihr Mann mal länger arbeiten oder gar einen Tag auf Geschäftsreise muss. Da wird dann die Omi aus Bremen eingeflogen, weil man es halt nicht allein schafft und den Mann angeschrien, was das um Himmels willen denn soll.

Meine Erfahrung: Flugbegleiterinnen als Pilotenfrauen sind einfach so viel entspannter. Sie wissen was es heißt zu Fliegen. Egal wie: wir können Dienstpläne nicht ändern und auch nicht die Fakten, dass unsre Männer einfach weg sind. Akzeptanz des unvermeidlich Faktischen ist die halbe Miete. Warum also sollte ich mich dann in etwas reinsteigern, dass ich nicht ändern kann. Ich nutze die Zeit, die ich dadurch habe einfach um Dinge zu tun, die ich so oder so ohne ihn tun würde, Freunde treffen beispielsweise, Putzen oder Hobbies nachgehen. Win Win für alle: wenn er dann heim kommt, habe ich Zeit für ihn. Heißt aber nicht, dass wir permanent aufeinander rumglucken, wenn er mal da ist. Erfahrungsgemäß ist die erste Nacht am schlimmsten und bei einer 5 Tagestour die Vorletzte. Nachteil: Es ist wirklich oft stressig ohne Ende und es kehrt niemals eine Routine oder Ruhe ein.

Vorteil: Man freut sich auf den Partner, auch nach 11 Jahren noch. Außerdem weiß man, was man an dem anderen hat und lernt Zweisamkeit unglaublich zu schätzen.

#9 Telefon

Grundsätzlich wird das Telefon ignoriert, wenn eine Frankfurter Nummer auf dem Display erscheint. Es könnte die Planverwaltung sein und die komplette Monatsplanung über den Haufen werfen, indem der Mann halt einfach mal relativ bald weg muss.

#10 Familienplanung

Wie ihr Euch denken könnt, wird das Ganze dann bei uns auf eine Art „Alleinerzieherin mit Optionspapi“ rauslaufen.

#11 Begleitung auf Arbeit

Viele fragen mich, ob ich Tobi häufig auf Arbeit begleite. Häufig ist definitiv anders, aber ich habe ausgenutzt was ging. Meist lohnt es sich einfach nicht für eine Pizza nach Mailand zu fliegen, um 14h später wieder im Flieger zurück zu sitzen. Hat er aber einen Tag frei vor Ort, hat er mich meist mit im Gepäck. So kann man wunderbar Kurzurlaub machen, Städte ganz entspannt kennenlernen und sich einen Einblick verschaffen, ob man XY gerne länger besuchen möchte oder nicht. Häufig telefonieren wir allerdings, ich wecke ihn, wenn ich ins Bett gehe oder er mich, wenn er den ersten Flug schon hinter sich gebracht hat. So nehmen wir in gewisser Weise am Alltag des anderen Teil und er hat „mich“ so quasi dabei.

#12 Kulinarisches

Richtig toll ist, dass Tobi immer unterschiedliche Produkte vor Ort mitbringt. Ergo: unsre Nudeln kommen wirklich vom Markt direkt aus Italien unsre Marmelade aus Irland usw. Er hat mir auch häufig typische Süßigkeiten des jeweiligen Landes mitgebracht, was ich als Süßzähnchen echt zu schätzen weiß.

#13 Flightradar

Ich stalke Tobi nicht permanent über Flightradar. Meist weiß ich gar nicht wo er sich gerade rumtreibt. Häufig fliegt er 3-5 Legs (Flüge) am Tag dementsprechend könnt ihr Euch denken, dass ich nicht jeden Monat auswendig weiß, wann er wo ist, ankommt oder abfliegt.

#14 Kochen

Single Kochen sucks. Es ist so nervig immer für sich allein aufwändig zu kochen. Meist hab ich dann Portionsweise Essen eingefroren und taue das dann einfach auf. Danke Mami! Du rettest mich so oft :)

#15 Richbitch

Nein, ich bin keine Richbitch. Auch wenn wir nicht am Hungertuch nagen, haben wir keine Goldene Gans im Keller sitzen.

#16 Reisen

Was das mit dem Beruf meines Mannes zu tun haben soll, hab ich zwar bisher nie begriffen, aber da wir beide gerne Weltentingeln waren wir die letzten Jahre gut unterwegs. Wird jetzt mit Bau und (hoffentlich) Nachwuchs dann auch nachlassen. Da die Goldene Gans, wie erwähnt fehlt, wird’s mit dem Budget nämlich dann auch knapper. Allerdings renne ich zugegebener Maßen öfter an den offenen Koffer in seinem Büro und habe deshalb regelmäßig blaue Zehen. Zumindest mit Koffern komme ich so als wirklich häufig in Kontakt.

#17 Privatfliegen

Hübscher Nebeneffekt für mein Flugbegeistertes Ich: Privat Fliegen. Da wir diese Leidenschaft teilen, fliegen wir auch gerne in seiner Freizeit oder auch im Urlaub. Und sind wir mal ehrlich: Wie viel cooler ist es denn, eine Maschine zu Chartern und im Urlaub die Welt von oben zu sehen, zu zweit ohne zeitliche Begrenzung oder festgelegte Routen. Der Bachelor kann mich mal, mit seinen Superdates, wo er sich und die Mädels fliegen lässt. Selbst fliegen ist halt einfach geil.

#18 Die Wohnung für sich haben

Einfach mal allein zu Hause sein, kann ab und an auch wirklich erholsame Wirkung haben. Auf mich zumindest. Wenn ich dann tief in Gammelklamotten und Decken vergraben mit Eis und den Katzen die Couch belagere und Mädchenserien schaue an einem Sonntag, bin ich manchmal ganz froh, wenn Tobi da arbeiten muss.

#19 Friendship-Detektor

Man lernt relativ schnell den Freundeskreis auszudünnen. Häufig kommen seht spitze und belächelnde Kommentare von Freunden wie Verwandten. Lebensweisheiten, die sich die betreffenden gerne in den Popo schieben dürften oder sie melden sich einfach gar nicht mehr.

#20 Kennenlernen

Dafür lernt man recht schnell entspannte Menschen und spannende Kulturen kennen. Gerade in der Fliegerei sind wirklich viele unglaublich herzliche und liebenswerte Menschen, die in in mein Herz geschlossen habe und auch nicht mehr missen möchte. On Duty habe ich immer das Gefühl, dass alles eine große Familie ist, in die man herzlichst aufgenommen wird. Unterwegs in anderen Ländern oder auf Parties kommt man super schnell mit anderen Menschen in Kontakt und lernt so über seinen Tellerrand hinaus zu denken, eigene Einstellungen und Sichtweisen zu überdenken oder spannende Diskussionen über die buntesten Themen zu führen. Allgemein ist meine Denkweise wesentlich differenzierter und offener in den letzten Jahren geworden.

#21 Kiss me, before flight!

Das ist etwas, was nicht unbedingt mit seinem Job als solchem zutun hat, aber etwas das es immer gibt: Das Bussi bevor er fliegen geht. Kennt ihr übrigens die Kiss and Fly Parkplätze am Flughafen und habt euch immer gefragt, warum die so heißen? Ratet mal 😉

So, das war’s erstmal für jetzt. Ich hoffe die Ausführungen konnten Euch einen kleinen Einblick in mein Leben verschaffen. Wenn ihr Lust auf ein Bullshit-Bingo mit den beliebtesten Fragen und Antworten zur Fliegerei habt, schreibt es in die Kommi-Box. Ernst gemeinte Fragen beantworte ich Euch natürlich auch sehr gern.

xx -S.

photo: Dirk Weber / Brautrausch; Aberdeenshire.

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